So, 4.10. und Mo, 5.10.2026
Sonntag
Es hat die ganze Nacht heftig gestürmt und es windet auch am Morgen noch ganz ordentlich. Es reicht aber nicht, die Wolken wegzublasen. Die haben sich an den Hausdächern festgehakt.
Klaus „Zerrung“ entwickelt sich wohl zu einem Nierenproblem, obwohl die Schmerzen anfangs untypisch waren. Am Sonntag waren sie richtig heftig und er hat freiwillig zu Tabletten gegriffen. Die helfen zwar den Nieren nicht, unterdrücken aber wenigstens die Schmerzen etwas. Gottlob hat er von seinen Knieproblemen noch ein paar Ibu übrig. Die gehen dann jetzt drauf. Via whatsapp versucht er, bei einem Urologen (hat ihm Adriana empfohlen, die kennt alle Ärzte) einen Termin zu bekommen. Den Tag verbringt er mit Wärmflasche abwechselnd im Bett und auf der Couch. Nahrung wird verweigert; erst am Abend kann ich ihn zu einem Schinken-Käse-Toast überreden. Shit happens!
Große Kacke ist auch der Ausgang der Wahlen in Brasilien. Um kurz nach 20.00 Uhr wurden die ersten Böller gezündet. Da war wohl schon klar, dass der Sohn des Ex-Präsidenten und verurteilten Verbrechers Bol.onaro vorne liegt. Der Sohnemann hat (lt. deutschen Nachrichten) bisher keinerlei eigenes politisches Profil gezeigt und plappert nur das nach, was Papa ihm vorgibt. Und er will ihn nach seiner Ernennung zum Präsidenten natürlich begnadigen. Derzeit steht er ja unter Hausarrest.
Die Ära Tropen-Trump wird also munter weitergehen. Armes Brasilien, arme Welt!
Montag
Um 13.00 Uhr ist der Termin beim Urologen. Wir fahren zeitig los, weil wir mit viel Verkehr rechnen, aber der ist überschaubar. Das Gebäude soll das modernste hier im Ort sein und verfügt über eigene Parkplätze. Es ist ein dreistöckiges Büro- und Praxisgebäude; hier residieren Ärzte, Anwälte, Schönheitssalons etc. Die einzelnen Büros oder Praxen befinden sich längs der Außenwände des Gebäudes und sind über eine Galerie zu erreichen. Wir sind etwas zu früh, ist wohl gerade Mittagspause. Von der Galerie kann man ins Erdgeschoß gucken, wo sich ein Restaurant befindet. Auch hier wieder massenhaft verschenkter Raum. Die einzelnen Tische stehen 5m auseinander. Auch vor den Aufzügen befindet sich jeweils eine Fläche in der Größe eines Festsaales – völlig ungenutzt und sinnlos.
Pünktlich um eins geht in der Arztpraxis das Licht an und die Tür wird geöffnet. Wir werden freundlich begrüßt, Klaus muss seine persönlichen Angaben machen und die Zahlung für die Konsultation leisten. Dann dürfen wir ins winzige Arztzimmerchen. Der Doc spricht sogar englisch, was die Sache deutlich vereinfacht. Allerdings fällt er immer wieder in seine Muttersprache zurück. Klaus bekommt den Blutdruck gemessen und der ist super (was den Doc erstaunt) und die Nieren werden abgeklopft. Die Untersuchung findet auf einer Pritsche statt, die durch eine Wand vom Arztzimmer abgeteilt ist.
Sodann gibt es ein Rezept für zwei Medikamente sowie zwei Überweisungen. Einmal MRT und eine Blut- und Urinuntersuchung. Beides kann er nicht in der Praxis machen. Die Sprechstundenhilfe telefoniert und gibt uns dann die Adresse von St. Clara, einem großen, alten Krankenhaus in der City. Wir fahren hin und fragen uns durch, kriegen am Eingang einen Aufkleber ans Revers, der uns berechtigt im Haus zu sein. Wir landen an einem großen Wartebereich, der gut mit Menschen gefüllt ist. Man muss – wie immer in Brasilien – eine Nummer ziehen. An der Wand hängt eine Anzeige auf der man erkennen kann, welche Nummer gerade dran ist. Wir haben 367, 368 ist dran (hää?). Als 369 aufblinkt, fragt Klaus mal nach, was das soll und wird sofort bedient. Wir müssen dann ein Stockwerk tiefer zur Kasse und dürfen erstmal bezahlen. Dann geht es zurück in den Wartebereich: fünf Stuhlreihen in der fensterlosen Ecke, an der Wand ein Fernseher, der jedoch kaum Beachtung findet. Alle daddeln am Handy … kein Wunder, dass das Internet hier so langsam ist. Klaus muss einen Fragebogen ausfüllen und versucht, einige medizinische Begriffe zu googeln. Ohne Erfolg. Bleibt die Frage halt offen, auch egal.
Ich habe während der langen Wartezeit reichlich Muse, mich umzuschauen. Wenn man gerade aus einem supermodernen Gebäude kommt und dann in diesem alten Gemäuer landet, ist das ein Kulturschock. Hier ist alles dunkel und irgendwie usselig. Es wurden nachträglich irgendwelche Kabel und Rohre auf die Wand getackert, es riecht irgendwie muffig, obwohl ich mehrere Trupps beobachte, die Putzwagen vor sich herschoben. An der Wand hängt ein großes Bild eines älteren Herren – wohl der Gründer der Klinik oder der Direktor oder was weiß ich.
Bei der Wartezeit hier findet entweder eine wundersame Heilung statt oder man gibt spontan den Löffel ab. Vielleicht ist das der Plan?
Irgendwann wurde Klaus aufgerufen und durfte in das Räumchen mit dem MRT. Er hat erzählt, dass er Schlüssel, Handy etc. aus seiner Hose nehmen musste und sich auf die Pritsche legen sollte. Sodann wurde er mit einer Decke zugedeckt und sollte darunter seine Jeans bis auf Kniehöhe herunterziehen. Er hätte die Buxe auch einfach im Stehen ausziehen können, was deutlich einfacher gewesen wäre. Aber wir sind ja in Brasilien.
Dann wurde die Pritsche ins MRT gefahren (übrigens ohne Kopfhörer). Es kam nochmal ein Mann rein und zog ihm die Hose bis auf die Knöchel runter. Dann wieder rein in Röhre. Im Eiltempo einmal hin und einmal her, fertig. Das schnellste MRT ever! Er bekommt einen Zettel mit einem QR-Code, den er an den Arzt weiterleiten soll. Wir sind entlassen.
Gleich nebenan befindet sich das Labor, aber die haben keine Kapazitäten mehr frei, so dass die Blutabnahme erst am nächsten Tag stattfinden kann.
Wir fahren noch schnell zum Supermarkt, in die Apotheke und an die Tankstelle und sind um 17.00 Uhr wieder zu Hause. Völlig platt und hungrig. Die Ibu, die Klaus morgens noch eingenommen hatte, lässt auch langsam nach. Klaus nimmt eine von den neuen Pillen, wir spielen noch eine Runde Mexe-Mexe und pflanzen uns dann vor den Fernseher.
Mir fallen immer wieder die Augen zu und ich verabschiede mich vorzeitig ins Bett, bin nachts mal ein Stündchen wach, schlafe aber wieder ein. Endgültig wach werde ich, als unser Garagentor um kurz vor acht aufgeht und Klaus zur Blutabnahme fährt. Adriana hat ihm eine Stelle genannt, wo man ab 7.00 Uhr zur Ader gelassen wird und keinen festen Termin braucht. Jetzt ist es viertel vor zehn und gerade fährt unser Autochen wieder in die Garage.
In drei Tagen liegt das Ergebnis vor und kann online abgerufen werden.
Noch wissen wir immer nicht, was Klaus eigentlich hat. Er hatte aber eine schmerzfreie Nacht und brauchte erst nach dem Duschen eine weitere Tablette.

Stadt Links




Kurz vorm Mittagessen hält sie Klaus ein paar verrostete Brocken unter die Nase, die vom Außenwasserhahn stammen. Sind wohl beim Zudrehen abgefallen. Dummerweise ist das der Hahn, der das gesamte Haus mit Wasser versorgt, also insbesondere die Wassertanks unterm Dach befüllt. Oh Scheiße! Der Hahn ist von außen aus rostfreiem Material und das Innenleben fault einfach ab. Das ist eines der Teile, die ich als „brasilianischen Scheißdreck“ bezeichne. Davon gibt es viele!



